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Katholische Kirche Neubrandenburg  >  Startseite  >  Erinnern für die Zukunft

Erinnern für die Zukunft (Abschluss)

Der Arbeitskreis „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ wurde seelsorglich begleitet damals von Pfarrer Horst Eberlein. Heute ist er Probst in Schwerin. Ihn fragte der Josefsbote nach seinen Erinnerungen an die Zeit von vor 20 Jahren. Er schreibt: „Natürlich muss ich weit zurückgreifen in meinen Erinnerungen, um überhaupt etwas hervorzubringen. So viele Jahre liegen dazwischen. …Ich sehe uns im Foyer oben zwischen Empore und Saal sitzen. Wir sind ungefähr zehn Leute. Alle kommen aus unserer katholischen Gemeinde. Als junger Pfarrer von Friedland war ich weiter in die Aufgaben der Gemeinde in Neubrandenburg eingebunden und habe deshalb in dieser Gruppe mitwirken dürfen. Unsere Aufgabe war es, das von der ökumenischen Versammlung erarbeitete Material „runter zu brechen“ auf die Situation vor Ort. Gleichzeitig galt es, den Blick zu öffnen über die eigene gesellschaftliche und kirchliche Situation hinaus in die weite Welt. Ich erinnere mich an lebendige und heftige Diskussionen, die immer wieder brisante Themen aufgriffen wie Menschenrechte, Wirtschafts- und Umweltprobleme, Friedensfragen, Glaubens- und Meinungsfreiheit. Der freimütige Austausch war nicht gehemmt durch Ängstlichkeit vor möglichen „Lauschern und Spitzohren“. Ich weiß um viele Eingaben, die wir formulierten und dann an die entscheidenden Stellen der ökumenischen Versammlung weiter leiteten.

Rückblickend war es für mich eine Zeit, die gegen unsere Sprachlosigkeit einen Raum schuf, freien Dialog und geistige Wachheit ermöglichte und Zuversicht aus dem Glauben schenkte.“

Michael Nötzel gab mit seinem Artikel im Oktober 2009 unter dieser Überschrift den Anstoss für drei weitere Beiträge zu diesem Thema. Zum Abschluss dieser Reihe sprach der Josefbote mit ihm.

Gern erinnert er sich an die Zeit von vor 20 Jahren: „Wir haben Flügel bekommen und konnten fliegen.“ Seine Botschaft für heute heißt: „Wenn du die Chance erhältst und bereit bist, einen Teil von dir zu geben, kannst du etwas bewegen.“

Der 52-jährige ist seit 1979 Mitglied unserer Kolpingsfamilie. Kolping und die christliche Soziallehre haben ihn geprägt. „Als 1989 sich die Chance bot, in der DDR als Christ aktiv die Gesellschaft mitzugestalten, wusste ich – Mach jetzt was“, erzählt Michael Nötzel. Die Kolpingsfamilie in Neubrandenburg war eine starke Gruppe, daher war er sich sicher: „Wir können aus uns selbst heraus etwas Neues starten“. Zusätzlich motiviert durch die Geburt seines ersten Sohnes am 21.11.1989, wollte er sich als Christ für eine demokratische Zukunft einsetzen. Sein Sohn sollte die Unfreiheit einer Diktatur nie kennen lernen. Die feste Struktur in der katholischen Gemeinde gab ihm Halt. Jedoch zur Umsetzung der Forderungen, war eine Partei notwendig.

In unserer Gemeinde gab es zwei verschiedene politische Meinungen. Die einen wollten die alte CDU verändern, andere etwas Neues gründen.

Michael Nötzel war alles politisch Entstandene in der DDR suspekt. Aus diesem Grund gründet er 1989 die Christlich Soziale Partei Deutschland (CSPD). Damals herrschte eine enorme Aufbruchsstimmung, in der viele Parteien entstanden, aber auch schnell wieder verschwanden. Die CSPD ging auf in die DSU (Deutsche Soziale Union). Zur Volkskammerwahl am 17.03.1990 erhält die DSU knapp 3% Stimmen. Wie schwer es ist, sich mit seinen Ideen durchzusetzen, merkte der engagierte Christ bald.

Beflügelt durch die Möglichkeit des aktiven Mitgestaltens einer demokratischen Gesellschaft, kämpft er weiter gegen das „Alte“. In der Freien Erde vom 28.04.1990 ist zu lesen:….Kandidaten der CDU, DSU, SPD, der Grünen Partei und des Neuen Forum stellen sich für die Kommunalwahl vor…“Wir gehen ein Stück Weg in diesem Wahlkampf gemeinsam“, so Michael Nötzel (DSU), „denn unsere größte Sorge ist, dass die PDS in dieser Stadt eine Mehrheit bekommt.“ Zur Wahl der Stadtverordnetenversammlung am 06.Mai 1990 liegt die PDS vor der CDU. Die DSU erhält 2 Mandate, eines davon Michael Nötzel. Auch die DSU löst sich auf und Michael Nötzel wechselt in die CDU.

Im Herbst 1990 wird er von Rainer Prachtl, dem späteren Landtagspräsidenten, angesprochen. Er wirbt um Mitarbeit beim Aufbau der neuen Länderstruktur. Michael Nötzel war noch als Techniker im Energiekombinat Neubrandenburg tätig, als er daraufhin in die Verwaltung des alten „Rat des Bezirkes“ wechselte und dessen Abwicklung organisierte. „Das war ein Jahr der großen Herausforderungen. Ich habe wenig geschlafen in dieser Zeit“, erzählt der heute dreifache Familienvater. Zur Transformation einer zentralen Verwaltung in eine kommunale Selbstverwaltung waren Visionen nötig. Das war völliges Neuland. Unglaublich, was da geleistet wurde.

In dieser Zeit haben sich viele Gemeindemitglieder in unterschiedlichen Gruppen und auch Parteien engagiert. „In der 1. Stadtvertretung Neubrandenburg gab es wohl 10 oder mehr Katholiken, davon viele Kolpinger.“ erzählt er weiter. Auch heute noch sind davon einige aktiv in der Politik. Ein Zeichen dafür, welche Kraft in kirchlichen Gruppen wie z.B. Kolping steckt und was man als Christ alles bewegen kann.

Der jetzige Unternehmensberater gehört heute keiner Partei mehr an. Sein Engagement als Ratsherr hat er seit dem 06. Mai 1990 bis heute beibehalten. Neuerdings stellt er sich als Mitglied der Initiativgruppe „Augenzeuge 89“ vorrangig an Schulen als Zeitzeuge zur Verfügung und hofft, mit seinem Tun, die Einmaligkeit der Ereignisse von damals im gesellschaftlichen Bewusstsein bewahren zu können.

für den Josefsboten G. Soballa

 
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